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Die Geschichte der Pimpinelle (Sanguisorba minor)

Sanguisorba minor aus dem Kräuterbuch von Tabernaemontanus

Man sagte, Pimpinelle mache das Herz froh und den Wein anmutig.
Jacobus Theodorus Tabernaemontanus schrieb über die Pimpinelle: "Es ist der kleine Welsch Pimpernell so gemein geworden / dass die Köch deren in Küchen nicht entbähren wollen / dann sie nicht allein täglich zu den Salten gebrauchet wird / sondern sie wird auch nützlich mit anderen Mutzkräutern zu den Gemüss und Suppen vermischet."

Besonders im elisabethanischen England war die Pimpinelle in der Küche sehr wichtig. Und damals wurde der Wein oft mit einzelnen schwimmenden Pimpinelle-Blättchen serviert.

Die Pimpinelle als mittelalterliches Heilmittel gegen die Pest

Im Mittelalter galt die Pimpinelle als Heilmittel gegen die Pest, wobei eigentlich die Arten Pimpinella saxifraga und Pimpinella magna gemeint waren, weshalb sie weit verbreitet waren. Die Ähnlichkeit der gefiederten Blätter beider Pflanzen hat wohl dazu geführt, dass man sie mit demselben Namen bedacht hat. Genau weiss man das anscheinend nicht. (Wer mehr weiss: ich nehme gerne weitere Informationen mit Quellenangabe entgegen: E-Mail).

Die Pimpinelle tauchte auch häufig in den sogenannten Pestsagen auf. Eine Stimme aus dem Himmel, ein weisser Rabe, Rübezahl, ein Wichtelmännchen oder ähnliches rät den Menschen mit Pimpinelle der Krankheit zu begegnen: Ist die Krankheit noch so schnell, heilt sie doch die Pimpinell! oder: Esset Knoblauch und Bibernell, so sterbet ihr nicht so schnell.
Ferner wurde sie als Heilmittel bei Herzerkrankungen, Blasen- und Nierenbeschwerden eingesetzt.

Theriak 

Ein besonderes Thema, auf welches ich im Zusammenhang mit den Recherchen über die Geschichte der Pimpinelle gestossen bin, ist der Theriak (griechisch therion für wildes Tier).

Mithridates

Der König von Pontus, Mithridates VI. Eupator(132 bis 63 v. Chr.), versuchte ein Mittel zu finden, das ihn vor der Vergiftung durch Feinde schützten sollte und zugleich sollte es ein Antidot gegen den Biss giftiger Schlangen, Skorpione und Spinnen sein. Er machte an Tieren, Gefangenen und an sich selbst Versuche durch Gift- und Gegengifteinnahme. Das Mittel bestand aus 54 Substanzen und wurde Mithridatikon genannt.
Die Rezeptur von Mithridat wurde vom römischen Feldherrn Pompejus nach der gewonnenen kriegerischen Auseinandersetzung beim 3. Pontischen Krieg mit nach Rom gebracht. Sie enthielt neben vielen anderen pflanzlichen und tierischen Wirkstoffen den Saft aus der Mohnkapsel.

Der Begriff „Theriak“ wurde erstmals von Nikandros ca. 170 vor Christus erwähnt. Andromachos, Leibarzt des römischen Kaisers Nero, um 50 nach Christus entwickelte das Gegengift weiter. Die Mixtur bestand anfangs "nur" aus Opium, Vipernfleisch, verschiedenen Kräutern und Wurzeln sowie einigen Teilen von Honig und Wein.
Theriak spielte von der Zeit der Römer bis ins 19. Jahrhundert eine ungeheuer wichtige Rolle nicht nur als Arzneimittel, sondern vor allem auch als Lust und Laster verschaffende Droge. Alle Ärzte in der römischen Geschichte haben mit Mithridat und Theriak experimentiert. Die verschiedenen Mixturen wurden an Gefangenen und Sklaven getestet, ehe sie zum allgemeinen Gebrauch freigegeben wurden.

Die römischen Kaiser und der Theriak

Kaiser Nero hat täglich Theriak eingenommen. Titus ist an einer Überdosis Theriak verstorben, Hadrian hat den Tod seines Lustknaben Antonius nur im Opiumrausch ertragen können. Marc Aurel, der Philosoph auf dem Kaiserthron, war opiumsüchtig.
In den Schriften seines Leibarztes Galenus von Pergamon finden sich deutliche Hinweise einer echten Abhängigkeit: Marc Aurel hat täglich Theriak zur „Immunisierung“ eingenommen. Das römische Reich wurde gerade von einer Pestepidemie durchzogen und Galenus empfahl Theriak als Schutz vor Ansteckung. Als der Kaiser über seinen Staatsgeschäften häufiger benommen einnickte, liess er den Mohnsaft weg. Das führte zu Entzugserscheinungen mit unruhigen, schlaflosen Nächten. So musste er wohl oder übel wieder das Theriak mit Opium einnehmen.
Mit der Ausbreitung des Christentums veränderte sich die Gesellschaft und das ausschweifende Leben hatte ein Ende. Dafür lebte man nun zum Schutz vor Krankheiten tugendhaft, oder wenn nicht, wurde gebetet und Busse getan. Mithridat und Theriak verschwanden fast vollständig. Ein päpstlicher Erlass aus dem 5. Jahrhundert untersagte den Gebrauch von Opium, ausser für medizinische Zwecke.

Theriak bekam im Mittelalter, besonders seit der grossen Pestepidemie von 1348, den Ruf eines Allheil- und Wundermittels (Panacea = allmächtiges Heilmittel) und sollte angeblich sogar gegen die Syphilis und Pest helfen. Damals bestand das Gemisch aus bis zu 300 verschiedenen, oft wechselnden Zutaten, vor allem aber aus Opium, Engelwurz (Angelica sylvestris), echtem Baldrian (Valeriana officinalis) und Möhrensamen (Daucus carota).

1546 erschien der Theriak als offizielles Arzneimittel und erlangte eine grosse wirtschaftliche Bedeutung. Die Hauptfabrikation des Theriaks lag in Italien. Einer der wichtigstens Handelsplätze für Theriak war Venedig, was zum Reichtum der Kaufmannsstadt beitrug. Wegen der wirtschaftlichen Beziehungen zu Asien war besonders das Opium in reiner, nicht verlängerter Form erhältlich.

Theriak-Gefäss

In Deutschland war Nürnberg das Zentrum der Theriak-Herstellung. Um Betrug durch die Apotheker zu vermeiden, war die Zusammensetzung genau vorgeschrieben. Dennoch wurde viel Scharlatanerie betrieben, um diese Wunderarznei anzupreisen, vor allem in Zeiten der Verbreitung von Pest und Cholera.
Später ersetzte man die Bestandteile tierischen Ursprungs durch pflanzliche Substanzen. Darunter waren auch Rosmarin, Baldrian, Sauerampfer, Lavendel, Engelwurz und Weinraute.
Theriak wurde gegen nahezu jede Krankheit eingenommen, auch gegen Epilepsie. Für die einzelnen Krankheiten gab es genaue Dosierungsvorschriften.

Die bis ins 19. Jahrhundert allgegenwärtigen Jahrmarkts-Doktoren wurden oft mit Misstrauen betrachtet und verfolgt, dennoch hatten ihre „Theriak“-Mittelchen grossen Zuspruch im Volk.

Eine Theriak-Geschichte

Von einem Bauren, der Gans gestohlen hatte, und wie sie der Schultheiss wiederbekam
In einem Dorf im Schwabenland waren einem Schultheiss etliche Gans gestohlen, der liess viel Kundschaft darauf gehen. Letztlich kam er so weit, dass es ein Bauer, so sein Gevatter war, getan hatte.
Er beruft ihn an einem Morgen zu sich und stellt ihn darum zur Rede: Hab er's getan, so solle er sie nur in der Still wiedergeben, es sollt es kein Mensch gewahr werden.
Der Bauer aber entschuldigte und verschwur sich so hoch, dass der Schultheiss von ihm ablassen musste.
Nun hatte der Schultheiss ein Kraussen Krug mit Wermutwein (wie denn alle Morgen sein Gebrauch war) für sich, brachte dem Bauren, seinem Gevatter, einen und bat ihn, dass er ihm's verzeihen wolle, denn er sei auch also berichtet worden. Und nachdem er getrunken, stellte er's dem Bauren zu.
Der nahm's alsbald in die Hand, verschwur sich, wenn er's getan habe, so solle dieser Trank Gift und Galle in seinem Leib werden. - Sobald der Bauer, der zuvor nie keinen Wermutwein getrunken, trank, fing er an zu zittern und beben, fiel nieder auf die Knie und sprach: »O allmächtiger Gott, verzeih mir meine Sund!« Zum Schultheiss aber sprach er: »O Herr Gevatter, gebet mir ein Tiriacks Theriak, der mich von dem Gift entledige! Ich bekenne, dass ich die Gans gestohlen habe.«
Also bekam der Schultheiss durch diesen Trunk Wermut seine Gans wieder.
(Johann Friedrich von Harten, 1603)

Theriak, böhmisch dryak, in der Schweiz triax usw. war ein „aus gepulverten Pflanzenteilen“ mit Honig zu einer „Latverge“ verdicktes Heilmittel, welches seine Hauptwirkung wohl dem Mohn verdankte, aber zumeist noch mit ganz anderen Rauschmitteln vermischt wurde, welche, blieb ein Geheimniss.
Interessanterweise nennt/nannte man in der Türkei Menschen, die den Genuss von Opium, Haschisch und/oder Alkohol frönten „Tiriaki“; von China hört man, das man dem Haschisch zur Verstärkung Datura-Samen (also Stechapfelsamen) beimischte oder der aus Persien stammende Theriak Haschisch und Bilsenkraut enthielt.
Aus Theriak, Dreyak, Dreix usw. wurde später z.B. im ländlichen Kanton Bern Tüüfelsdrägg, Teufelsdreck. Die Verbindung zu dem Wort shit (gelegentlich auch „devils shit) liegt nahe. Unter einer Zürcher Totentanz-Darstellung des 17. Jahrhunderts wird der Theriak-Händler auch als „Fahrender Schüler“, „Rosenkreuzer“ und „Zigeuner“ angesprochen und gleichzeitig dazu als „Giftekoch“ und „Alraunwieger“ erklärt. Unter einem französischen Stich eines das Volk bezaubernden Jahrmarktsgauklers steht sogar „le marchand d’opiat“, wörtlich übersetzt also „Der Opiaten-, der Drogenhändler“.

Im 19. Jahrhundert begann der Ruhm des Theriak zu verblassen. In der Pharmacopoea Germanica von 1872 wird noch ein Electuarium Theriaca aufgeführt, das nur noch 12 Zutaten enthält.

Die Rezeptur für Theriak war sogar noch im Ergänzungsbuch zum 6. Deutschen Arzneibuch von 1941, welches bis 1968 gültig war, verzeichnet.

Vom Theriak zum Schwedenbitter

Einen letzten Nachhall hat Theriak in der Naturheilkunde als "Elixier für ein langes Leben" und als "Schwedenbitter" gefunden.
Die Schwedenkräuter enthalten anregende (Engelwurz, Zitwer, Kampfer), verdauungswirksame (Myrrhe, Safran) und abführende Bestandteile (Aloe, Manna, Sennesblätter). Eine Besonderheit ist der Theriak, der in vielen handelsüblichen Schwedenkräuterzubereitungen enthalten ist. Dieser Theriak ist einfach eine Mischung aus verschiedenen klassischen Arzneidrogen wie Zimt, Baldrian und Kardamom. Er macht im wesentlichen den Geschmack des fertigen Schwedenbitters aus.

Noch heute wird in Rom in einer Apotheke der venezianische Theriak hergestellt.
Pflanzen des Theriaks:
Baldrian (Valeriana officinalis), Bibernelle (Pimpinella saxifraga), Engelwurz (Angelika archangelica), Kleiner Wiesenknopf /Pimpinelle (Sanguisorba minor), Gänsefingerkraut (Potentilla anserina), Grosser Wiesenknopf /Pimpinelle (Sanguisorba major), Mädesüss (Filipendula ulmaria), Weinraute (Ruta graveolens), Rosmarin (Rosmarinus officinalis)

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